GTLegends and friends

Silverstone

Oliver Kilian

Kaum sind die Claims in Kyalami abgesteckt, die ersten Duftmarken gesetzt - da geht es auch schon zurück auf die nördliche Hemisphäre. Und zwar auf eine der anspruchsvolleren Strecken dieser Saison. Dabei ist das Layout des alten Flughafenkurses von Silverstone eigentlich simpel, fiese Schikanen oder Ähnliches sucht man vergebens. Stattdessen besteht die hiesige Herausforderung aus dem extrem unebenen Fahrbahnbelag, den hohen Curbs und den teilweise bis direkt an die Fahrbahn heranreichenden Streckenbegrenzungen. In Silverstone bekommt man jede Betonplatte mit, die auf den ersten Blick so unscheinbaren Randsteine bringen enorme Unruhe ins Fahrwerk - und dazu kommen noch drei echte "Mut-Knicks", von denen einer garantiert, einer ziemlich oft und einer fast nie voll geht. In Silverstone lohnen sich alternative Fahrwerks-Abstimmungen, und ein wenig extra-Bodenabstand kann ich nur empfehlen!

Obwohl die Spitzengeschwindigkeiten hier weit unter denen von Kyalami liegen, ist Leistung Trumpf! Der optimale Durchzug aus den Ecken heraus ist derart wichtig, dass sich die Corvette hier deutlich an die Zeiten-Spitze setzt. Allerdings leidet sie - auf Top-Zeiten abgestimmt - ganz besonders unter den Curbs & Bodenwellen, lässt jeglichen Geradeauslauf vermissen und muss zudem ihr riesiges Tankvolumen voll ausschöpfen. Der einzige Wagen, der zeitenmäßig mithalten kann, ist der M1. Er liegt hier präziser und stabiler, reagiert aber noch heftiger auf die Curbs - meist mit einem Dreher. Der CSL leidet wie üblich unter mangelndem Grip auf der Vorderachse, steckt die Fahrbahnunebenheiten allerdings exzellent weg - über die Distanz ein großer Vorteil. Ähnlich geht es dem Porsche 935, der dadurch - solange die Reifen durchhalten - weit vorne mitmischen sollte. Während die europäischen Leichtgewichte Celica & Capri hier satt auf der Straße liegen, werden Mustang & Monza ebenfalls sehr unruhig und sollten dadurch etwas weniger wettbewerbsfähig sein als in Kyalami - auch wenn man immer noch mit ihnen rechnen muss. Trotz seiner brettharten Federung liegt der Ferrari sehr angenehm, sortiert sich aber motorleistungsbedingt zusammen mit dem Pantera am Ende der Zeitenliste ein.

Aller Voraussicht nach wird in diesen Läufen eine sichere Setup-Abstimmung und gutes Durchhaltevermögen entscheidender sein als die Fähigkeit, Top-Zeiten in den Asphalt zu brennen. Daher würde es mich nicht überraschen, wenn am Ende ein anderes als die oben genannten Favoriten-Fahrzeuge als erstes das Ziel sehen würde.

Ich bin gespannt!

Mike Roller

Silverstone oder: die Kunst, Kurven gerade zu fahren

Das altehrwürdige Silverstone im guten alten England. Gefahren im anspruchsvollen 70er-Layout, 4727,5 Meter rechtsherum, und zwar zweimal 23 Runden. So der Plan der 26 kaltblütigen Fahrer der GTL-Racersleague, mittlerweile angewachsen durch viele talentierte Piloten der GTP-Pro-Serie, die mal richtige Autos fahren wollen. Hier in Silverstone finden sich viele denkwürdige Anekdoten:1950 gewinnt Guiseppe Farina sein erstes Formel-1 Rennen. 1973 sorgte Jody Scheckter für den bis dahin größten Massencrash der Geschichte. Ein Wolkenbruch dezimierte das Fahrerfeld beim Neustart zwei Jahre später um 13 Fahrer, nur noch 6 Piloten standen am Start. 1981 lernte der in der Nähe wohnende Landwirt Edward Humbledon seine Lizzy kennen, schwängerte diese umgehend und hat den zänkischen Drachen nun seit 33 Jahren am Hals. Aber zurück zum Rennen auf dem ehemaligen RAF-Militärflugplatz. Wird Thomas Weber seine Dominanz von Kyalami nach England retten können? Was macht Möbus? Wie wird sich Oliver Kilian gegen Jochen Richter behaupten? Überascht Mike Horn? Wie findet sich Sascha Miesterfeld in den alten Wagen zurecht? Wie lange halten Gert Ackermann`s neue Stützstrümpfe? Schauen wir in die beiden Läufe hinein....

Die Spannung vor dem ersten Rennen des Abends war entsprechend hoch. Insbesondere der fliegende Start, eine in der GTL-Liga ungewohnte Prozedur, würde bei der ungewöhnlichen Aufstellung in Dreier-und Viererreihen hier in Silverstone tricky werden. Viel würde von Thomas Weber abhängen, der sich mit 1:21,8 sogleich wieder die Poleposition in seinem BMW M1 sicherte. Sein Teamkollege Stefan Möbus dahinter, gefolgt von Frank Schuster und Oliver Kilian. Heiko Stritzke im BMW CSL auf Startplatz 5, mit Mark Ackermann im Nacken, ebenfalls im BMW M1. Der Start gelingt weitgehend perfekt, ohne Blechschäden. Weber tritt erst spät aufs Gas, behauptet so die Spitze vor Möbus, der sich erster Angriffe in seinem Nacken erwehren muß. Oliver Kilian und Mark Ackermann gewinnen Plätze, Stritzke und Schuster halten sich vorerst zurück. In Runde zwei sitzt Wolfgang Roller seinen Vordermann Gert Ackermann im Genick, dessen Corvette bremst etwas früher als sein Mustang, so das Wolfgang in die entsetzten Augen des sich drehenden Gert blickt, beide daher das Feld von ganz hinten aufrollen müssen. Während die Spitze eng kämpfend ihre Kreise zieht, kämpft Miesterfeld mit seinem Toyota um die rechte Richtung und hämmert am Ende der Farm Straight auf die Tribüne zu ins Nirgendwo.

Eine Runde später dreht sich Detlef Preisig nach der Woodcote auf der Zielgeraden, rutscht so aus den Top Ten auf Rang 15 zurück. Die Hangar Straight wird Leo Kuhn zum Verhängnis, als er seine Corvette quer in die dortige, liebevoll gemauerte Begrenzung semmelt. Im Kampf um Platz 21 kann sich Mike Roller einige Runden lang Gert Ackermann vom Bürzel halten, doch ein kleiner, biologisch wertvoller Schlenker katapultiert ihn auf der Farm Straight hinter einen Begrenzungszaun, was nicht nur Nerven, sondern auch wertvolle Zeit kostet. Vorn kämpfen Mark Ackermann und Frank Schuster um die Top Ten-Plazierung, eng aber fair, Kurve um Kurve, Frank 935er Porsche immer hart am Limit. Leo Kuhn ist mittlerweile ausgeschieden, nachdem der Motor seiner Corvette diverse Teile ausschied, was dazu führte, dass der Motor ganz verschied, ganz ohne Abschied. Runde 13, Mark Ackermann hat das Ziel dieser Runde vor Augen, als offenbar eine rote Frucht seine Sicht versperrt, als er links in die Streckenbegrenzung rast und spektakulär ausfällt, ohne aber ausfallend zu werden. Das Rennen dümpelt etwas dahin, die Lücken zwischen den Gruppen werden größer. Tobias Dede, Leidtragender in Kyalami, macht genau dort weiter. Sein M1 crasht in die Mauer auf der Zielgeraden, Teile seines Wagens spielen Karneval auf den Zuschauerrängen. Waidwund schleppt er sich noch eine Runde weiter, Plätze einbüßend, und steuert dann die Box an. Kurz vor Rennende merkt Stefan Möbus, das an seinem Abakus-Spritrechner offenbar die Batterien alle waren, denn sein M1 rollt leise röchelnd aus, trotz heftiger Gegenwehr seinen Verfolgern gegenüber. So siegt Thomas Weber souverän vor Oliver Kilian im GTX Monza, dahinter Heiko Stritzke im BMW CSL.

Doch es bleibt nur wenig Zeit zum Verschnaufen. Einige Fahrer wechseln in Ihre Zweitwagen. Mark Ackermann stiegt um auf dem Ford Capri, was ihm Quali-Platz 21 einbringt. Polesetter wird Frank Schuster mit einer 1:21,5 im M1 Turbo, gefolgt von Weber und Möbus. Wieder ein gelungener Start, Schuster vernascht seine Hinterleute mit einem frühen Tritt aufs Gaspedal. Ende der ersten Runde dreht Miesterfeld Vordermann Schümmer weg, beide landen am Ende des Fahrerfeldes. Kurz darauf spielt Johannes Peiter mit seinem Pantera PingPong auf der Farm Straight, Wolfgang Roller, Gert Ackermann und Marcel Schümmer bleibt nur der Weg ins Grün und der Verlust einiger Plätze, während Mike Roller mit einer sehenswerten Slalomeinlage nach vorn gespült wird.

Detlef Preisig im Monza folgt Stritzke, jetzt im Mustang, als dieser sich plötzlich dreht. Preisig weicht geistesgegenwärtig aus, überquert die Wiese rechts der Farm Straight, rast durch die Haustür eines Wohnhauses, greift beim Durchqueren der Küche ebenso geistesgegenwärtig ein Flasche Scotch, 1 Glas, 2 Eier und eine Pfanne mit brutzelndem Speck, erwischt im Kinderzimmer noch eine Rassel und Band Drei von "Prinzessin Lilifee und die Zombies von Eastwick", schließt beim Verlassen des Hinterausganges noch höflich die Tür und kehrt unbeeindruckt auf die Strecke zurück, die Reste des Spiegelei mit Speck mit Whisky herunterspülend. Einige Runden später läuft Miesterfeld auf die Kampfgruppe Mike Roller, Gert Ackerman und Wolfgang Roller auf. Mike hält wieder seit einigen Runden Gert auf, Wolfgang bleibt dran. Sascha Miesterfeld zwängt sich erst gekonnt an Wolfgang vorbei, dribbelt Gert aus und setzt innen der Abbey an, Mike zu überholen. Der, ob der sich überstürzenden Ereignisse mit der Situation etwas überfordert, lenkt etwas zu früh ein, prallt von Saschas Heck ab und verliert so die lange verteidigten Plätze. Nico Standke, Zuschauer in Reihe zwei, weicht dem kreiselnden Mike gekonnt übers Grün aus. Zwei Runden später dreht sich Möbus, fällt von Platz 2 auf Rang 6 zurück. Ralf Stingl, immer noch mit den Eigenarten des Capri kämpfend, steuert in Runde 19/20 die Box an. Michel Groteclaes dreht sich kurz vor Schluß noch in der Woodcot. Schuster gewinnt vor Weber und dem irre starkem Mike Horn.

In der Gesamtwertung führt Weber knapp vor Schuster und Oliver Kilian, Möbus fällt nach nunmehr zwei Ausfällen auf Platz 7 zurück. Die Teamwertung dominiert Team MWracing (Weber/Möbus) vor dem Kili-Team (Peter und Oliver Kilian) und SchüRi-Motorsport (Schümmer/Richter). Das nächste Rennen, wieder live übertragen und kommentiert vom grandiosen Sebastian Gerhart, findet in LeMans statt, ein Mekka für alle Vollgasfans. Wir sehen uns dort!