GTLegends and friends

Finale Ledenon, Frankreich

Bernie Ecclestone gab sich siegessicher. Heute würde er den Sack zu machen. Die Serie war ein echter Knaller, spektakulär, gute Fahrer am Start, dazu originelle, urtümliche Wagen. Kein Technik-Zirkus, bei dem die glattgelutschten Fahrer nur Beiwerk waren. Manchmal dachte er an die gute alte Zeit zurück, als es noch ums Fahren und nicht ums Geschäft ging. Nun, andererseits hatte das Geschäft ihn reich gemacht. Seine Wasserhähne waren aus Gold, die Toilette aus italienischem Marmor, seine Sekretärin zu weiten Teilen aus Silikon und sein Auto hatte einen Chauffeur (weil er beim Bentley nicht übers Lenkrad gucken konnte, aber das war eine andere Geschichte). Alles hatte zwei Seiten im Leben. Gedankenverloren bohrte er mit seinem Finger im elektrischen Anspitzer auf seinem Tisch. Obwohl diese 2L TCC Serie eigentlich schon recht perfekt war, hatten seine Berater rund um Jean Todt und dessen Sohn schon einige Ideen parat, die noch mehr Zuschauer und somit Profit bringen sollte. Ein ausgefeiltes Regelwerk, bei dessen Umfang selbst der große Tolkien mit seinen ringenden Herren vor Neid erblasst wäre. Mediengerechte Fahrer vom Typ eines Justin Bieber mit Helm. Dazu Autos, die technisch absolut State of tue Art sein würden. Die Hersteller würden sich schnell überzeugen lassen. Ecclestone bohrte weiter im eleganten Elektroanspitzer. Was bliebe dann eigentlich noch von der Originalität der Serie? Bernie kam ins Grübeln. Egal, Geschäft war nun mal Geschäft.

Katie Myers war schon seit 1 Jahr Sekretärin bei Ecclestone. Er war zwei Köpfe kleiner wie sie, konnte ihr nie in die Augen sehen, aber ihre hervorstehenden Attribute reichten ihm offenbar als Einstellungsvoraussetzung. Die Tür war einen Spalt offen, er war im Büro wohl schwer beschäftigt. Sie würde ihm einen Kaffee bringen. Gerade, als die blonde Schreibkraft mit dem Tablett in der Hand zur Tür wackelte, hörte sie erst ein kräftiges, elektrisches Summen, dann einen markerschütternden Schrei, der den Kaffee panikbedingt Richtung Decke entfleuchen ließ…..

Die Stille im Raum war fast greifbar. Doch der befürchtete Sturm der Entrüstung blieb aus. Marcel Schümmer blickte erwartungsvoll in die Augen seiner Fahrerkollegen. Auf der heutigen Fahrerbesprechung vor dem Finalrennen in Ledenon hatte er alle ihm bekannten Fakten schonungslos auf den Tisch gelegt. Seine hübsche Informantin stand neben ihm und wirkte sichtlich erleichtert. Gert Ackermann sprach aus, was wohl alle dachten: „Starker Tobak. Wir haben also einen stinkreichen Fan, der sich hier alles einsacken will. Respekt, hätte ich uns gar nicht zugetraut, soviel Aufmerksamkeit zu erregen. Ich brauche jetzt ein Bier. Noch einer?“ Etwa 20 Hände gingen ruckartig Richtung Decke. Marcel winkte ab: „Moment, wir müssen noch entscheiden, wie es weitergehen soll. Was machen wir?“ Schweigen im Raum. Haris Alagic hob den Arm. „Ich hätte da eine Idee. Schräg, aber könnte klappen.“ Marcel sah ihn fragend an. Haris erläuterte in kurzen Worten seinen Plan. Gelächter brandete auf. Tobias Dede prustete mit Tränen in den Augen los. „Die Nummer ist gut, die machen wir.“ Marcel nickte lachend. Die junge Frau neben ihm raunte ihm zu: „Das könnt ihr doch nicht machen, es geht hier um Ecclestone, der versteht bei so was keinen Spaß!“ Der dunkelhaarige Lenkradartist aus dem Raum Aachen grinste sie an. „Wir bringen genug Spaß für alle mit. Das wird auch Bernie merken.“ Die Gruppe löste sich lachend auf und verschwand in der Boxengasse, kurz darauf röhrten die ersten Motoren los.

Startplatz 12, das war für Tobias Dede schon ganz o.k. im kleinen Scirocco. Vor und hinter ihm lauerten Robert Kruppert und Lars Kuhlmann mit geballter Nippon-Power, das würde schwer werden beim Start. Dahinter die beiden Gölfe von Andi Blitz und Mike Roller, die sollten kein Problem darstellen, aber der Gert Ackermann im Kadett war ein guter Starter und hatte auch mehr PS unter der Haube. Die Ampel erlischt, Tobi gibt Gas. Lars neben ihm leider auch, und die Schüssel Reis mehr im Motor gibt auf dem Bergaufstück erstmal den Ausschlag. Doch in Kurven ist der blaue Wolfsburger eine klasse agiler, Tobi hält eisern gegen und sichert sich den Platz hinter Kruppert. Bis zur ersten Rechtskurve nach der Talfahrt, als Lars seine geballte Blechmasse nicht gebändigt bekommt und in Tobis Heck rauscht. Dieser wirbelt hektisch am Lenkrad, kann einen Quersteher aber nicht verhindern. Lars wartet fair, und Tobi rast ohne Platzverlust weiter, immer noch Krupperts schwarzen Samurai im Blick. Die erste Rennhälfte läuft gut, Tobi ist zweitweise auf Rang 10, doch die fehlenden PS werfen ihn sukzessive auf den Platz 13 zurück. Es folgt ein einsames Rennen gegen die Uhr. Tobi blättert auf den Geraden gelangweilt in diversen Frauenzeitschriften, liest mit Tränen in den Augen die neusten Fast-Skandale von Prinz William und Kate, im Radio läuft irgendein französischer Schlagersender, und sein Pausenbrot liegt angenagt in der Prinzessin-Lilifee-Dose auf dem Beifahrersitz. Unspektakulär, bis plötzlich Kruppert mit nachlassenden Reifen vor ihm auftaucht. Letzte Runde. Kruppert kämpft tapfer mit seiner rutschenden Eisprinzessin, Tobi mobilisiert nochmal die letzten Reserven. Platz 12 ist gut, aber Platz 11 ist besser. Doch viel PS sind gut, mehr Japan-PS sind letztendlich auch besser. So zieht Robert bergauf von dannen, Tobi muss sich mit Platz 12 begnügen. Vorne steht Marcel Schümmer auf seinem Sieger-Kadett und steppt begeistert auf der Motorhaube. Tja, next race, next attempt. Oder so.

Horst Witteler war an diesem Morgen auch bei der Fahrerbesprechung gewesen. Er war gespannt, wie die Sache zu Ende gehen würde. Er für seinen Teil hatte seine Aufgaben erledigt. Tobis und Gerts Wagen waren vorbereitet, das letzte Rennen dieser Saison würde in wenigen Minuten starten. Plötzlich stand die etwas debile junge Dame vom letzten Mal vor ihm. „Hallo, sind Sie auch ein Fahrer hier?“ Horst stutzte. „Ich fahre nicht, ich lasse fahren. Mal einen, mal zwei….“, entgegnete der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht. Das Mädchen bemühte ihr schwach möbliertes Oberstübchen und erzeugte ein herzerfrischend Lächeln, nachdem die Mechanik von Hirn und Gesichtsmuskeln ineinandergriff. „Oh, Sie gehören also dazu? Darf ich Ihnen dann ein paar Fragen stellen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten nestelte Sie einen Zettel aus ihrer Handtasche. Horst ließ sie gewähren, gespannt auf die Fragen, die nun folgen würden. „Herr, äh, wie heißen Sie…na, egal. Das letzte Rennen der Saison. Wie beurteilen Sie die Serie bisher?“ Horst überlegte kurz. „Eine klasse Serie. Habe schon einiges gesehen im Rennsport, aber diese Typen hier in den kernigen Kisten, mit einfachen Regeln und einfacher Technik, das macht Freude.“ Sie lächelte. „Wie sehen Sie den Erfolg der Serie langfristig, so als unabhängige Serie?“ Wieder eine kurze Pause, bevor Witteler antwortete. „Könnte was langfristiges draus werden. Gerade das Unabhängige macht den Reiz aus. Paar Kinderkrankheiten wie die sehr breite Leistungsdichte der Wagen wären noch Ansatzpunkte für Verbesserungen. Aber sonst alles gut.“ Horst war gespannt auf die nun folgende Frage. „Herr, äh, ja….aber wäre es nicht erfolgversprechender, so was unter dem Dach einer starken Organisation aufzuziehen, mit jemanden mit den nötigem Einfluß und Erfahrungen?“ Sie zwinkerte Horst kokett zu. Der dachte nur, dass es Zeit wäre, zu kontern. „Einfluß? Oder Ausfluß? Erfahrungen? Was wollen Sie den erfahren? Und was kann Erfolg denn so versprechen? Ist eine Organisation stark, wenn sie gut organisiert ist oder stagniert Stärke mit sinkender Organisation?“ Was wollen Sie genau wissen?“ Horst blieb todernst und blickte ihr tief in die Augen. Die verhinderte Barbie-Puppe geriet sichtlich aus der Fassung. „Äh, ja, also, nun, Organisch gesehen, also mit starkem Ausfluß, nein, ich weiß nicht genau, äh, wie war die Frage?“ Hier war nun ein messerscharfer Verstand gefragt, und die Machtverhältnisse waren offenbar in diesem Dialog sehr ungleich verteilt. „Ich frage mal anders. Wer Ihrer Meinung nach wäre den so ein starker Typ, um so eine Serie zu managen?“ Sie sah nun wieder etwas Land am Horizont, wenn auch sehr nebulös. „Tja, wenn sich einer mit Motorsport auskennt und weltweit die Nummer 1 ist, dann doch der Herr Ecclestone, oder?“ Horst zeigte ein erstauntes Gesicht. „Ecclestone? Hab ich mal gehört. Der hat mir damals mal einen Gebrauchtwagen verkauft. War eine elende Krücke, der Wagen. Was soll denn eine kleiner englischer Autoverkäufer hier reißen?“ Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Oder in ihrem Fall das Schnapsglas intellektuellen Volumens. „Wie, Gebrauchtwagen? Ecclestone ist doch…kennen Sie den etwa nicht? Aber er hat doch….hier….überall, also…haben Sie denn nicht gemerkt, dass….?“ Plötzlich schoß der fette Kater aus dem Halbdunkel hervor und sprang der überraschten Frau ins Gesicht. Sie kreischte panisch auf und rannte heulend davon. Die Katze flitzte fauchend hinterher. Horst Witteler grinste. Showdown.

Gert war doch etwas angesäuert. Da hatte er seinen Sohn Mark mit in die Liga gebracht, um ihm zu zeigen, wie man Auto fährt, nun fuhr der ständig vor ihm rum in den Top Ten. Da musste er sich doch mal erzieherische Gedanken machen. Hausarrest zog nicht mehr, Handy wegnehmen auch nicht, aber so ein Verteilerkappenentzug vor dem Rennen, das war doch eine Idee. Aber erstmal lief jetzt das letzte Rennen dieser Saison. Sein Start lief erstaunlich gut. An Dede kam er dank Gasfuß vorbei, und nach einem Dreher von Edlbergmeier und Richter fand er sich plötzlich auf Platz 11 wieder. Lange hielt die Freude aber nicht an. Erst rauschte Kruppert, den er noch elegant weggestupst hatte, wieder an ihm vorbei, dann zogen Dede und die beiden Havaristen Edlbergmeier und Richter vorbei, und schon düste er nur noch als Fünfzehnter durch die französische Landschaft. Ein roter Punkt in seinem Rückspiegel entpuppte sich nach dem ersten Renndrittel nicht als verwesende Fliegenleiche, sondern als der rote Golf von Mike Roller. Die gesamte Saison praktisch weg vom Fenster, schien dieser nach dem Wechsel vom Kadett auf den langsamen Golf wieder dran zu sein – im letzten Rennen. Und ließ sich nicht abschütteln. Mike brauchte offenbar skurrile und langsame Autos, um ihn zu ärgern. Auf den Geraden zog Gert locker davon, aber in den Kurvenpassagen war der rote Rennfloh wieder in seinem Kofferraum. Gert schwitzte. Sein Sohn Mark ärgerte die Spitze, und er würde hier noch von einem Golf geschlagen werden? No Way. Aber dank einiger Überrundungen fiel sein Hintermann wieder etwas ab, und Gert konnte die letzten Runden mit gesenktem Puls zu Ende fahren. Rang 15. Das konnte er besser. Egal, der Kadett kam jetzt erstmal in die Scheune zurück. Nun ein Gläschen Wein, was Leckeres zwischen die Kiemen, und dann wurde gefeiert.

Die Siegerehrung stand kurz bevor, hinter den Kulissen wurde schon über die Gesamtwertung spekuliert. Die Zahl der Fahrer hatte in den letzten Wochen deutlich abgenommen, von knapp 30 Startern zu Saisonbeginn waren nun noch etwa 20 Fahrer über. Einige waren Opfer der feindseligen Umstände geworden, andere hatten offenbar die Motivation oder die nötige Zeit verloren. Einige Kinderkrankheiten gab es sicherlich noch, aber für den ersten Anlauf hatte die 2L TCC voll eingeschlagen. Marcel Schümmer machte sich auf den Weg zur Pokalübergabe und Champagnerspritzerei, als ihm plötzlich die ominöse Katze mit finsterem Blick über den Weg lief, schnurstracks Richtung Siegerpodest.

Die Nationalhymne von Aachen ertönte, und Marcel stand zufrieden auf dem Platz 1 des Podestes. Der Sieg im ersten Rennen tat gut, und in der Gesamtwertung sah es ersten Schätzungen nach auch nicht übel aus. Die letzten Töne der Hymne waren gerade verklungen, als plötzlich diese pummelige Katze auf das Podest sprang und in die Augen der umstehenden Fahrer und Fans blickte. Stille machte sich breit. Die Katze richtete sich auf, das Ratschen eines Reißverschlusses war zu hören, und ein Katzenfell fiel zu Boden. Bernie Ecclestone stand in voller, allerdings überschaubarer Größe auf dem Podest und griff zum Mikrofon. „So, meine Herren, die Übung ist vorbei. Jetzt kommt das wirkliche Leben und wir machen aus der Spielerei mal richtiges Business. Ich habe bereits alle relevanten Rennstrecken in der Hand und habe auch ein paar Fahrer im Auge, die sich gut vermarkten lassen. Ich danke euch Amateuren für eure Idee, aber ihr seid raus. Das ist jetzt meine Serie!“ Ecclestone schnaufte triumphierend und rechnete durchaus mit Gegenwehr. Seine beiden Bodyguards würden aber die wenigen Mutigen schnell zur Räson bringen. Und sich auch um seine entlaufene Mitarbeiterin kümmern, die er soeben in der Menge erblickte. Marcel trat neben Bernie, ging in die Knie und legte einen Arm um seine Schulter. „Bernie, alter Mann, beruhig Dich erst mal. Bissl Katzenfutter zum Kauen?“ Sprachs und reichte ihm eine Dose Thunfisch. Rechts von den beiden tauchten Tobias Dede und Haris Alagic auf und bezogen mit ihrer imposanten Größe Position vor Ecclestone. „Macht keinen Fehler. Meine beiden Mitarbeiter verstehen keinen Spaß.“ Ecclestone sah sich suchend um. „Du meinst die beiden stabilen Typen, die Gert und Dete unter den Tisch trinken wollten? Die sind jetzt Internet-Stars. Guck mal unter betrunkene-dekorieren.de. Die beiden sind echt talentiert, auch wenn sie es noch nicht wissen.“ Marcel lächelte gütig. „Aber bleib ruhig, wir sind doch nette Jungs. Und um es mit den Worten des Paten zu sagen: I´ll make you an offer you can´t deny!“ Marcel flüsterte Bernie etwas ins Ohr, zeigte ihm ein Foto, woraufhin dieser erst große Augen, dann Schnappatmung und zuletzt eine ständig wechselnde Gesichtsfarbe bekam. „Sind wir uns einig“, fragte Marcel? Ecclestone nickte heftig. Warf sich das Katzenfell über die Schulter und eilte Richtung Boxenausgang davon. Gellendes Gelächter begleitete ihn. Kurz darauf folgte die Siegerehrung des zweiten Rennens unter Zuhilfenahme einiger flüssiger lokaler Köstlichkeiten. Ecclestones ehemalige Spionin setzte sich neben Marcel und sah ihn fragend an. „Was hast du ihm den jetzt erzählt, und was hast Du ihm gezeigt?“ Marcel grinste. „Nun, ich habe ihm ein Foto von Cindy aus Marzahn gezeigt, ihm gesagt, das sei seine uneheliche Tochter und das seine beiden Töchter in fünf Jahren auch so aussehen werden. Und das ich alles heute ins Internet setze, falls er nicht den Schwanz einzieht. Aus familiären Gründen hat er sich dann wohl noch mal alles überlegt.“ Ein lautes Lachen war die Antwort. „Eine Frage hätte ich aber auch noch“, begann Marcel. „Wie heißt Du eigentlich nun wirklich?“ Sie lächelte ihn an. „Hab ich das noch nicht gesagt? Laß uns feiern gehen!“ Sie sprang auf und riss ihn mit Richtung Fahrerlager.

Wer ist die junge Frau wirklich? Wie geht Ecclestone mit seiner neuen schlagfertigen Tochter um? Wird es eine weitere Saison geben der 2L TCC? Wir werden sehen. Danke für Euer Interesse!