GTLegends and friends

Chapter Two: Charade

Frankreich. Ramon Hofer fühlte sich in Clermont-Ferrand gleich pudelwohl. Als Schweizer war er zwar Berge gewohnt, aber ab und an was Flaches war auch in Ordnung, nicht nur bei Witzen und Frauen. Der erfahrene Tiefsee-Freeclimber war jedoch immer vorbereitet, seine Hochgebirgs-Schwimmflossen hatte er immer griffbereit. Entspannt döste er in einem kleinen Bistro vor sich hin und kratzte gelegentlich bedächtig ein paar Stücken Tsatsiki-Vanille-Eis mit seinem Eispickel aus dem Becher. Auf der berühmten Rennstrecke Charade sollte der zweite Lauf der 2L TCC stattfinden, und Ramon gehörte zu diesen Abgebrühten, die sich auf die verwegene Berg-und-Tal-Fahrt wagten. Das 89er Layout war nun mit 4 Kilometern deutlich kürzer, aber die geschlängelten 18 Lenkradeinschläge, auch Kurven genannt, hatten es in sich. Der junge Student mit dem fast kahl geschorenen Haupthaar raffte sich auf, um langsam seinen Alfa Romeo GTam wieder warm laufen zu lassen. Das Qualifiying für den ersten Lauf war mit Platz 16 nicht so optimal verlaufen. Vor allem, da der aktuelle Lauf ja live im Internet übertragen wurde. Man hatte extra Heiko Stritzke als Moderator eingeflogen, da war einiges an Überzeugung nötig gewesen. Heiko Wasser hatte wochenlang angerufen, er wolle nach der Formel 1 die nächste Stufe erklimmen und bei der racersleague anheuern. Wie sagt man so einem RTL-Mimöschen ab? Fahrerkollege Frank Waschke hatte es diplomatisch versucht:“ Herr Wasser, wir nehmen nur die Besten, absolute Profis, Sie verstehen, dass Sie daher nicht unsere Anforderungen erfüllen…!“. Frank hatte daraufhin Stritzke überzeugen können, die Dreharbeiten mit Steven Spielberg zu unterbrechen und das Rennen zu kommentieren. Trotz einiger mysteriöser Vorfälle hatte es dann auch geklappt. Tickets verschwanden, Fluglinien wurden plötzlich aufgekauft und Visa nicht bewilligt. Irgendjemand mit viel Geld und Einfluss musste dahinter stecken. Egal. Ramon schlurfte lässig Richtung Rennstrecke, winkte einigen der süßen kleinen Französinnen zu. Leider vergaß er dabei seinen Eispickel, der nach einigen sehenswerten Drehungen in einer fast perfekten Parabel zitternd in einem französischen Streifenwagen steckenblieb. Beiläufig pfeifend eilte er Richtung Charade davon.

Nur noch wenige Minuten bis zum Start. Nils Lüdemann hatte sich grade noch mit dem Mechaniker von Tobias Dede unterhalten. Knorriger, aber kompetenter Typ, dieser Horst. Hatte echt gute Tips drauf. Ob allerdings diese süß-sauer-Geschichte bei seinem Nissan Skyline funktioniert, erschien ihm fraglich. Kurz vor der Box versperrte ihm diese hinreißende Brünette den Weg. Das Lächeln war echt überzeugend, allerdings schien das Gebiss so echt zu sein wie andere Teile an ihr. Es leben die Wunder von Medizin und der Chemieindustrie. „Ein Interview, Herr Lüdemann. Ich bin Marie Pürree, und hätte für unseren französischen Hörer einige Fragen an Sie.“ Nils grinste. Gesehen hatte er die Braut schon mal, in Litauen. Aber der Name war ihm fremd. „Tja, holdes Wesen vom Chromosomus Xtus, was kann ich für Sie tun?“; Marie, oder wie immer sie auch hieß, rupfte ein Mikrofon aus ihrer Tasche und nestelte umständlich daran herum. „Wenn Sie mit Ihrem Vibrator auch so umgehen, haben Sie einige freudlose Nächte vor sich“, gab sich Nils hilfsbereit. Irritiert blickten ihn zwei dunkle Augen an.

„Äh, woher wissen Sie…? Themawechsel. Wir sind weit weg von der Nordseeküste. Klappt hier alles ohne 'Küstennebel?“, bohrste sie gleich in der ersten Wunde. „Sogar sehr gut, bei Küstennebel dreht sich mir eh der Magen um...“, grunzte Nils zurück. Marie lächelte. „ Bei ihnen Zuhause ist es ja flach. Geht das hier gut, mit all den Hügeln?“ Nils musterte gerade angestrengt zwei künstlich aufgeschüttet Hügel, antwortete aber reaktionsschnell: „ Ich hoffe es, normalerweise habe ich mit so etwas keine Probleme. Falls doch, gibt’s ja Küstennebel.“

Marie ignorierte den tiefen Blick in ihre Auslage und knüpfte einfach thematisch an diesen Umstand an: „Wie gefallen Ihnen die Kurven und Wellen der Strecke?“

„Charade?“ Nils zuckte mit den Schultern. „Die insgesamt doch meist schnellen Kurven in Litauen beim letzten Rennen, die teilweise hängen oder deren Einlenkpunkt nicht einsehbar sind, gefielen mir sehr. Eine Strecke, die man sehr flüssig fahren konnte, um den Kreis zum Küstennebel wieder zu schließen. Dem Nissan ist diese Streckencharakteristik jedenfalls doch eher entgegengekommen, meiner Meinung nach - was bei diesem Rennen auf Charade das Gegenteil sein wird...

„Wir werden sehen. Andere Frage: Hoch im Norden gibt es keine bekannte Rennstrecke. Wie kommen Sie zum Rennfahren?“ Nils sah die Frau durchdringend an. meint die jetzt, ich müsste doch eigentlich Schafe vom Deich treiben? „ Ganz einfach: Bei racersleague einschreiben“. Marie bohrte nach: „Eine kleine, unabhängige Rennserie? Wäre die FIA nicht besser für eine Rennfahrerkarriere? Mit einem starken Mann an der Spitze? Oder trauen Sie sich das nicht zu, Herr Lüdemann? Haben Sie als Fahrer besondere Schwächen oder Stärken?“

Nils nahm den ersten Teil der Frage mit nordischer Gelassenheit. Er ignorierte das nicht mal mehr. „Hatte jetzt eine längere fahrerische Pause in dieser Liga. Um es jetzt nach dem Rennen in Nemuno zu resümieren, hatte ich meine stärkere Phase eher in den Quali-Sessions, in denen man die schnelle Runde auf den Punkt bringen musste. Schwächen habe ich mir insbesondere geleistet bei den Überrundungen, bei denen ich insgesamt zu übervorsichtig agiert habe, und wo es zu der einen oder anderen missverständlichen Situation vor allem im ersten Rennen gekommen ist, was mich weit aus den Top Ten zurückgeworfen hat. Die anschließende Aufholjagd habe ich dann viel zu hastig gestartet, was dann in einem Highspeed-Leitplanken - Einschlag und damit dem Ausfall im Rennen geendet hat. Die Abgeklärtheit in Zweikämpfen ist auch noch nicht wieder ganz da, kommt aber im Laufe der Saison hoffentlich wieder!“ Nils wartete auf die nächste Frage, doch Marie Püree dackelte mit einem knappen „danke“ kurzerhand weiter. Komisches Wesen. Nun, Nils musste zum Start, das war jetzt wichtig.

Die Startampel erlosch, und Jochen Richter hämmerte den rechten Fuß aufs Gas. Sein Opel Kadett C Coupe GT/E ruckte nach vorn, als Polesetter hatte er freie Bahn. Hintermann Reinhard Berger hatte allerdings schneller geschaltet. Hinter vorgehaltener Hand hielt sich das Gerücht, Jochen sei der geheimnisvolle Rennfahrer „The Stick“ aus dem britischen Automagazin Top Gear der BBC. Dass dieses zumindest fahrerisch nicht abwegig war, zeigte sich nun in der ersten Runde auf dem Alkoholiker-Kurs Charade. Berger zog an der Spitze des Feldes davon, Ralf Stingl drängelte auch schon neben Jochens Kadett. „Verdammt, was haben die getankt? Katzenpisse? Rotwein?“ Jochen jagte seinen grünen Opel die Senke herunter, und blieb an Reinhards Bürzel kleben. Einige Runden entwickelte sich ein beinharter Dreikampf an der Spitze, nachdem Stingls Japaner nicht mehr mithalten konnte, aber Edlbergmeiers Jupp sich an Jochens Auspuff hängte. Drei Kadetten führten nun das Rennen an, bis Berger sich zu einem spontanen Techtelmechtel mit der Begrenzungsmauer entschied. Allerdings führte nun Edlbergmeier, was Jochen doch etwas die Planungen des Rennens versaute. „Den krieg ich, das war so nicht vorgesehen. Oder war es Vorsehung? Wäre diese blöde fette Katze nicht über die Strecke geflitzt, ich wäre noch vorne. Hätte ich draufgehalten. Erhöht Katzenfell am Reifen eigentlich den Grip?“ Während Richter so bei Tempo 160 vor sich hin sinnierte, spielten sich an der Box seltsame Szenen ab.

Horst Witteler hatte grade erst Frank Waschke beruhigen können, dessen Wagen nun dahingerafft in der Boxengasse lag. Das war Pech. er war gerade auf dem Weg zum Übertragungswagen, um Heiko Stritzke einen Kaffee zu bringen, als er Stimmen aus einer Box hörte. Leise schlich er sich herein. Aus einer Ecke hörte er eine leise Stimme mit englischem Akzent: „….ja, Jean, das ist echte Konkurrenz hier. Nicht so filigranes Schmusegefahre wie in der Formel 1. Das könnte echt was werden, die Zuschauer fahren drauf ab, selbst der Stritzke moderiert hier, und wir müssen uns mit so Typen wie Wasser und Danner in Deutschland rumschlagen. Pass auf, ich zeig denen schon, dass so was nur mit uns geht…..“. Horst starrte um die Ecke, sah aber auf dem Werkzeugwagen nur eine fette Katze sitzen. Die konnte ja schlecht gesprochen haben. Seltsam. Auch rannte diese Tusse aus Litauen wieder hier durchs Fahrerlager. Allerdings sprach sie jetzt Französisch und nannte sich auch anders. Irgendwas ging hier vor sich, und das war nichts Gutes….

Überrundungen waren echt ein Glücksspiel. Michel Groteclaes schluckte hart, als Robert Kruppert an ihm vorbeizog, Jürgen Dost noch schüchtern zwischen ihnen. Tja, den Robert hatte er nun lange Zeit hinter sich halten können im Kampf um Platz 16. Aber der alte Mann, wenn man ihn so nennen konnte, hatte es noch drauf. Michel schaltete in den vierten Gang, raste die Zielgerade herunter. Sein Kaffee in der Mittekonsole war nun kalt, aber die Croissants waren noch prima. Die Marmelade kleckerte in scharfen Rechtskurven zwar gegen die Seitenscheibe, aber egal. Im Rückspiegel sah er den Kadett von Peter Lipperheide auftauchen. Sollte der letzte Rest von zweiten Rennen etwa nochmal hektisch werden? Am Start hatte Tim Hallmann schon so eine Panik vorgelegt und war wie von der Tarantel gestochen losgerast. Michel musste da echt arbeiten, um dran zu bleiben. Er warf noch ein Stück Zucker in den lauen Kaffee, rührte etwas im Getriebe rum um quälte seinen Kadett ins letzte Renndrittel. Den ersten Lauf konnte ja Edelbergmeier vor Richter entscheiden. Starke Sache. Mit dem Sieg hatte er selbst aber nicht viel zu tun, das sah Michel realistisch. Aber trotzdem war auch im Mittefeld immer was los. Sein Handy klingelte. „Ja, Groteclaes? Sie möchten was? Ein unschlagbares Angebot? DSL mit kostenlosem 50 Meter WLAN-Kabel? Ob ich Interesse habe? Äh, ist jetzt grade etwas ungünstig….“, Michel driftete gerade Richtung Zielgerade, wirbelte das Lenkrad hektisch herum, das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt. „Kann ich Sie zurückrufen? Ja, danke. Nummer? Danke brauche ich nicht, melde mich dann später, so gegen achtzehn….oder 2019….!“. Mit leicht erhöhtem Puls, aber äußerlich gelassen rollt er über die Ziellinie, Lipperheide im Schlepptau. Wow, diese Serie hatte es in sich.

Jochen Richter hatte das zweite Rennen vor Edlbergmeier gewinnen können. erschöpft rollte er Richtung Box. Harte Sache, aber irre aufregend. Diese Rennserie konnte richtig groß rauskommen, dachte er als Mitinitiator zufrieden. Plötzlich huschte etwas Schwarzes vor seinem Wagen her. Die Katze! Jochen drückte aufs Gas, erwischte aber nur den Schwanz. Unbeeindruckt flitzte die Katze weiter. „Mistvieh!“, brüllte Jochen. Nächstes Mal bringe ich den chinesischen Koch mit. In seiner Nachbarschaft gab es seit Eröffnung des China-restaurants kaum noch Pelztiere in der Gegend. Offenbar waren Katzen und Hunde allergisch gegen Chinesen. Das würde er heute mal googlen. Aber erstmal feiern. Sieg! Das war schöner als beim britischen Fernsehen…gut, das war sein Geheimnis. Sollte es auch bleiben.

Wie geht es weiter? Wird Andy Blitz seinen Golf Gti noch ins vordere Mittelfeld bringen? Warum überlegt sich Beyoncé, wegen Frank Schuster ins Kloster zu gehen? Wieso gibt es kaum chinesische Katzen? Bleiben Sie dran, beim nächsten Rennen in Knockhill, Schottland.