GTLegends and friends

Chapter Six: Ahvenisto, Finnland

Und wieder war es kalt. Finnland lag halt nicht direkt am Äquator, und die Rennstrecke Ahvenisto war nun mal eine finnische Strecke. Horst Witteler saß mit einem kühlen Bierchen in der Hand in seiner Werkstatt. Gert und Mark Ackermann diskutierten ihm gegenüber die philosophische Kernfrage, ob Söhne ihre Väter in einem sportlichen Wettstreit überholen dürfen, vor allem wenn sie das gleiche Auto pilotieren. Horst schmunzelte. Nach den ungeheuerlichen Vorfällen und Aktionen der letzten Tage hoffte er auf ein ruhiges und stressfreies Rennwochenende. Doch insgeheim zweifelte er daran, wenn er an die Informationen seines hübschen Flüchtlings dachte.

Die junge Frau, die da so angetippelt kam, erfüllte jedes Klischee eines dummen Blondchens, das man sich nur vorstellen konnte. Was sie selbst wohl als Schminken bezeichnet hätte, würde jedem Stuckateur zur Ehre gereichen. Einige hervorstehende Attribute des drallen Körpers waren offenbar so echt wie die Rolex-Uhren hier. die sogar in Milch schwammen. Aber bei Temperaturen von etwa 10° unter Null im Minirock rumzulaufen, das nötigte Volker Borghardt schon einigen Respekt ab. Zielstrebig und mit einem Lächeln, das so ehrlich schien wie das Demokratieverständnis von Silvio Berlusconi, steuerte sie auf Volker zu. „Showdown“, dachte der schnelle Ostwestfale sich noch. Nur allzu lebhaft waren ihm die Aussagen der jungen Frau noch in Erinnerung, die nun mit Marcel Schümmer in einem Versteck hier an der Strecke hockte. Einige finstere Typen schlichen hier ebenfalls über den Platz, angesichts ihres „Gegners“ aber keine allzu große Überraschung. Volker lächelte die Blondine herzlich an und machte sich für seinen Auftritt bereit.

„Hallo, junger Mann. Sie müssen Viktor Burghart sein, der Rennläufer? Darf ich Ihnen einige Fragen für die finnische Zeitung stellen?“ Volker grinste. „Äh, ja, so ähnlich. Eigentlich heiße ich Volker Borghardt, und ich fahre lieber statt zu laufen. Aber wenn ich Ihnen trotzdem zur Verfügung stehen darf?“ Die Blondine stutzte kurz, blätterte hektisch in ihrem Notizblock und lächelte ihn sofort wieder an: „Hach, ich Dummchen. Konnte meine eigene Schrift nicht lesen. Ich bin übrigens Honey Goldy!“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. Volker ignorierte die Geste geflissentlich, während er antwortete: „Satz eins, ein wahres Wort gelassen ausgesprochen. Satz zwei, Sie überraschen mich mit ungeahnten Talenten. Satz drei lasse ich mal unkommentiert, denke ich. Ihre erste Frage?“ Mit irritiertem Blick starrte Honey ihn an, fuhr dann aber mit dem Interview fort.

„Meine erste Frage: Wie gefällt ihnen diese rassige Strecke?“ Sie klimperte mit Ihren Augen wie ein Porsche 914 mit den Scheinwerfern. Volker blieb sachlich entspannt: „Die Strecke ist echt klasse, sehr hügeliges, teilweise enges Layout, aber dem Alfa wie auf den Leib geschneidert. Das läßt auf spannende und spektakuläre Rennaction hoffen. ...und die Prognose wird heute sicher durch zwei packende Meisterschaftsläufe bestätigt.“ Fleißig kritzelte Honey mit.

„Frage 2: Im Team "Sideways Competition" holt ihr Teampartner Josef die meisten Punkte. Woran liegt es? Ist das nicht ihre Serie?“ Sie versuchte keck und herausfordernd zu klingen, aber Volker musste unweigerlich an diesen Klingelton-Frosch aus der Handywerbung denken. „Der Josef ist unheimlich schnell und auch verdient vorne. Klar ist das meine Serie, nur leider kann man mit 30 PS Leistungsdefizit aus Exkrementen keine Zigarren drehen. Bleibt nur zu hoffen, auf den eher langsamen Tracks die Fahrwerks- und Bremsenvorteile des Alfas ausspielen zu können.“ Er sah seinem blondiertem gegenüber tief in die Augen, und hatte das Gefühl in ein Schwarzes Loch zu schauen – ins weite, endlose Nichts!

„ Meine Frage 3: Technische Probleme haben Sie in der letzten Zeit arg behindert. Nun sind sie behoben. Geht es jetzt vorwärts?“ Volker schmunzelte wieder. Mechanische Probleme schien die Dame zu kennen, zumindest beim Denken. „Die Probleme sind glücklicherweise behoben, waren aber unterm Strich sehr nervig.“

„Die letzte Frage: Ihre Erwartungen für diese Saison?“ Diese Frage war so neutral wie immer. „Die Erwartungen sind nicht allzu hoch- klasse das Kollege Josef dem Team Sidways Competition einen solchen Punktesegen beschert. Der Alfa ist leider kein Podeststürmer. Da muss man schon viel Glück haben. Also, Hauptaugenmerk auf die kommende Saison.“

„Vielen Dank für das Interview, Herr Burgstaller.“ Glücklich ob der gelösten Aufgabe strahlte Sie ihn an. „Gern geschehen. darf ich Ihnen noch eine kleine philosophische Bemerkung mit auf den Weg geben?“ Sie lächelte unsicher, nickte aber so heftig, das Volker Sorge hatte, der Spachtel müsse gleich aus dem Gesicht fallen. „Nun, wenn man tot ist, merkt man das nicht. Das merken nur die anderen. Wenn man doof ist, ist es leider genauso. kennen Sie den Satz?“ Sie schüttelte wieder heftig den Kopf. „Nein, aber das klingt wichtig, den merke ich mir!“ Sprachs und verschwand in der Boxengasse. Volker prustete los, als gerade Andy Blitz vorbeischlenderte. „Was ist, Volker? hast Dich grade verliebt?“ Wieder ein lautes Lachen. „Andy, wenn ich dem Mädchen Mund und Nase zuhalte, ist das Hohlraumversiegelung! Die muss beim Stuhlgang überlegen, ob sie drücken oder ziehen muss.“ Lachend ging er zu seinem Wagen zurück, ließ den verdutzten Andy ratlos, aber grinsend an der Strecke stehen.

Marcel Schümmer versuchte sich auf sein erstes Rennen zu konzentrieren. 22 Runden mit je 3 Kilometern, verteilt auf 10 hügelige Kurvenkombinationen, ein hartes Stück Arbeit. Auch wenn das Kaff hier, Hämeenlinna, recht malerisch war, so richtig konnte er sich auf die Natur nicht konzentrieren. Die junge Frau in seinem Wohnwagen, dren Namen er immer noch nicht kannte, hatte reinen Tisch gemacht und über ihren Auftraggeber und seinen Plan geplaudert. Soweit Sie darin eingeweiht war. Es standen also noch einige Überraschungen bevor, dessen war sich Marcel sicher. Er griff sich ein Ei aus dem Kühlschrank in seiner Box, klopfte sich das rohe Geflügel-Enddarmerzeugnis am Fensterrahmen seines Opel Kadett auf und ließ sich das glibbrige Innere in den Rachen laufen. Spuckte es danach sofort wieder aus. „Scheiße, bei Schimanski sah das noch so cool aus damals. Ekelig. Traue keinem Schauspieler.“ Ein Schluck finnischer Wodka spülte alle etwaigen Rückstände aus seiner Kehle. Unsicher blickte er zur Strecke. „Dann machen wir der Katze mal Dampf unterm Hintern, lieber Bernie:“ murmelte er und wandte sich wieder seinem Wagen zu.

Jochen Richter war leicht nervös. Seine Top-Ten-Platzierung schien sich gerade in Luft aufzulösen. Vor wenigen Runden zwang ihn ein kolossaler Dreher auf der Zielgeraden zur Aufholjagd, nun dümpelte er schon rundenlang hinter Daniel Plüss her. Dabei sollten die Schweizer doch eher betulich sein, doch bei seinem Vordermann tickten die Uhren anders. Jeden Angriffsversuch konterte Plüss gekonnt, doch wenn Jochen eins nicht konnte, war das aufgeben. Also klebte er dem Eidgenossen tapfer am Heck und lauerte auf seine Chance. Sein auf Joystick umgerüsteter Opel Kadett lief noch einwandfrei, die Reifen waren gefühlt noch weitgehend da, also Attacke! Ende der langen Geraden Richtung Ziel holte Plüss etwas weiter aus, und Jochen stieß direkt kompromißlos in die Lücke, wie er es bei Aldi an der Kasse auch immer machte. Kurzer Tip auf die Bremse, leichter Schlenker am Lenkrad nach rechts, und schon war er vorbei. Plüss versuchte zwar dranzubleiben, aber so ein Reisbomber auf Stäbchen war halt kein Opel. Nach insgesamt 19 teils spektakulären Überholmanövern fand er sich auf Platz 5 wieder und überquerte die Ziellinie. Vor ihm siegte Josef Edlbergmeier vor Preisig, Kilian und Volker Borghardt. Unterm Strich war das Ergebnis o.k.. Er fragte sich bloß, was der Helikopterpilot auf dem Flugfeld sagen würde, der jetzt wohl entgeistert auf das Momo-Lenkrad in seinem Hubschrauber starrte. Nun, mit dem Schraubenschlüssel war Jochen schon immer schnell gewesen.

Die fette Katze stromerte wieder ungelenk durch die Halle an der Strecke. Flink verschwand sie in der Damentoilette und ließ die Tür hinter sich zufallen. Wenig später war eine Stimme zu hören, die flüsternd offenbar in ein Handy sprach. „Nein, ich habe sie noch nicht gefunden, aber sie muss hier sein. Der Rest läuft nach Plan. Ein paar Nadelstiche noch. Wir wollen die Serie ja nicht kaputt machen, sie soll nur unsere Kassen füllen. Nach dem Rennen heute werde ich den Fahrern hier ein Angebot machen, das sie nicht abschlagen können.“ Ein kurzer Moment der Stille, und kurz darauf sprang die Katze wieder zur Tür hinaus. Weitere Augenblicke später trat Gert Ackermann aus einer der Kabinen. „Kaum gehste mal aufs falsche Klo, biste wieder im Bilde. Fein. Wo ist jetzt das Klopapier….?“

Ein großer schwarzer Punkt im Rückspiegel. Nein, keine Fliege, sondern der Golf von Oliver Kilian. Knut Wegener, sensationell stark auf Platz drei, wurde die kleine Rennsemmel einfach nicht los. Sein Scirocco hatte zwar etwas mehr Dampf auf dem Kessel, aber auf Dauer konnte das eng werden. Er machte sich so breit wie möglich, klappte die Seitenspiegel weit auf und fuhr Kampflinie. Doch Oliver Kilian fand selbst dort Lücken, wo keine waren. Kurz darauf konnte Knut das Heck des kleinen Golf GTI bewundern, doch hinter ihm drängte schon Daniel Plüss im Nissan. Keine drei Runden später setzte er sich innen neben Knut und bremste sich vorbei. Knut, sich krampfhaft ins Lenkrad verbeißend, musste tatenlos zusehen, wie der Nissan des Schweizers von dannen zog. Doch Knut war da eigen, so leicht machte er es seinen Fahrerkollegen nie. Er ging das Tempo mit und hatte Plüss immer im Blick. Plötzlich ein kleiner Schlenker des Nippon-Flitzers vor ihm, Plüss im Gras, und Knut zog eiskalt vorbei, schüttelte so gleich Ramon Hofer ab, hatte allerdings nun das Toblerone-Duo aus dem Alpenländle hinter sich. Doch wenig später hatte Knut etwas Luft im Nacken, Robert Schauderna war im Mazda RX3 knapp zwei Sekunden hinter ihm. Vor ihm nutzte Oliver Kilian das Gemetzel der beiden Kadetten Edlbergmeier und Schümmer aus, setzte sich an die Spitze und zog von dannen, während die beiden Kontrahenten sich weiter im Opel duellierten. Knut ließ die drei ziehen, rettete so Platz 4 ins Ziel, als bester Fronttriebler nach Sieger Oliver Kilian. Naßgeschwitzt rollte er an die Box, musste aber kurz vor der Boxeneinfahrt schwer in die Eisen gehen, als er fast eine pummelige Katze geplättet hätte. Ein irres Wochenende, dachte Knut. Platz 4. Das würde das ein oder andere Hefemischgetränk heute fließen.

Horst Witteler packte seinen Werkzeugwagen wieder zusammen, die Rennen waren durchwachsen verlaufen. Besonders Tobi Dede hatte es bös erwischt, sein Scirocco war im zweiten Rennen mit Plattfuß und weiteren Unzulänglichkeiten ausgeschieden. Dabei hatte er vorher noch jedes Schräubchen überprüft. Aber er hatte so eine Ahnung, wie es zu so einer Häufung von Hindernissen kam. Nach der Fahrerbesprechung heute Abend hatte Marcel Schümmer Licht ins Dunkel gebracht, dank seines ansehnlichen Informanten. Aber spätestens beim Finalrennen in Ledenon in Frankreich würde sich die Geschichte gewaltig drehen. Und einer würde davon sicher überrascht werden.

Welche Enthüllungen hat Marcel Schümmer den Fahrern machen können? Wird das Finalrennen mit einem großen Knall enden? Wer macht das Rennen in der Gesamtwertung? Wieso fährt Michel Groteclaes immer mit selbstgestrickten Wollsocken seine Rennen? Und warum sind Teelichter suboptimal für Sitzheizungen? Fragen, die Ledenon beantworten wird. Bleiben Sie uns gewogen!