GTLegends and friends

Chapter One: Nemuno Ziedas

Zitternd saß Dominik Pieper in seinem ungeheizten Mazda RX-3. Das unflätige Wankel-Monster war zwar schnell, aber fies und eiskalt. Fast schon frigide. Kam das eigentlich vom englischen „fridge“? Gute Frage. Aber wieso musste er jetzt an die Kellnerin von gestern denken, bei der er nicht landen konnte…? Litauen war kalt, und dann im Januar dort ein Rennen fahren? „Sch***, sind wir coole Typen!“, murmelte Dominik in seine angefrorenen Fausthandschuhe. Egal, das letzte Training vor dem Rennen gleich sollte noch ein paar Erkenntnisse bringen. Sein Teamkollege Frank Schuster vom Brakesman Racing Team lag von den Rundenzeiten noch hinter ihm. Hatte er ihm eigentlich gesagt, dass die Handbremsen hier festfrieren können? Kurzer Blick auf Thermometer. 17° unter Null?! Wenn er jetzt versucht, sich aus dem Rennsitz zu pellen, klingt das bestimmt wie ein Klettverschluss.

Host Witteler dachte, er wäre im falschen Film. Nicht nur, das er gestern an den beiden Boliden seiner Fahrer Gert Ackermann und Tobias Dede wahre Wunder vollbracht hat. Dass er Gerts Kadett mit Teilen aus einem russischen Kühlschrank winterfest gemacht hatte, war das eine. Aber wieso er für den VW Scirocco einen Vibrator, zwei Flaschen Wodka und Honig gebraucht hatte, wollte er seinem Chef Tobi nicht erklären wollen. Das würde er ihm sowieso nicht glauben. Vor allem, da dieser ihn gestern in der Rennfahrerkneipe hinter der Boxengasse mit dieser atemberaubend schönen Fremden gesehen hatte. Da lief nix zwar nix, er war ja nun zum vierten Mal verheiratet, aber er hasste Gerüchte. Und jetzt rannte diese fette kleine Katze von der Frau hier durch die Box. Ein hässliches Vieh. Glubschaugen, weiße, fast graue Haare, aber ein irgendwie aristokratisches Gehabe. Aber dass diese Katze nun angestrengt auf seinen PC starrte, machte ihn stutzig. Wenn der Stubentiger jetzt noch ein Handy zückt, haue ich mit dem Wagenheber drauf, dachte Horst grimmig.

Kurz vor dem Start drängte es Chris Ochmann nochmals zur Keramik-Abteilung. Der Privatfahrer aus Düsseldorf hatte eine turbulente Nacht hinter sich, und das eine oder andere alkoholhaltige Getränk war wohl im Spiel gewesen. Mit zusammengekniffenen Beinen schlich er Richtung WC –bis eine großgewachsene Schönheit mit braunen Rehaugen vor ihm stand und ihm ein Mikrofon vor die Nase hielt. „Herr Ochmann, ich bin Sylvie vom langen Draht, ich möchte Sie gerne für das litauische Fernsehen interviewen. Haben Sie etwas Zeit?“ Chris war im ersten Moment überrascht. Die Blase sagte laut „Nein“, das Endstück vorne laut „Klar“, und seine Uhr murmelte was von „Start“. „Öh,Äh, klar, für eine bescheidene Telefonnummer mache ich doch alles“, grinste er zurück. „Gut, ich stelle Ihnen jetzt die Fragen, dafür kriegen Sie die Telefonnummer meines Kameramannes!“, flötete die Braut zurück. Bevor Chris angemessen reagieren konnte, flogen ihm schon die Fragen um die Ohren.
„Herr Ochmann, wir sind weit weg von der längsten Theke der Welt. Wie kommen Sie hier ohne Altbier aus?“ Chris konterte prompt:“ Ich bin zwar ein Düsseldorfer Original, aber ich trinke lieber Pils wie Alt.“ „Haha, wie spontan. Düsseldorf ist eine Stadt. Wie gefällt es ihnen hier auf dem Land?“ becircte sie Chris weiter. Chris stutzte, entschloss sich aber zu schonungsloser Offenheit: „Gar nicht, zu wenig Aktion, aber die Boxenluders waren hübsch.“ Sylvie zwang sich zu einem gequälten Lächeln. „Gott“, dachte Chris, „optisch meine Liga, aber geistig nah an Zimmertemperatur und ein Humor wie ein Stück Thunfisch. Aber man muss ja nicht immer reden…..“ „Herr Ochmann, wie gefallen Ihnen die Kurven und Wellen der Strecke?“ „Sehr gut, aber die Kurven von dem Boxenluder welche ich nach dem Rennen mit in meinem Wohnwagen genommen hatte waren noch besser. Da habe ich erst mal Wellen geschlagen.“ Chris musste grinsen. „So, friss dass, und mach was draus, die hohle Frucht“, schoss es ihm durch die Hirnwindungen. Sylvie zeigte sich emotionslos:“ Wo sehen Sie ihre Stärken?“ „Tja, das ich auch in schwierigen Situationen die Ruhe weg habe und selbst dann noch einen guten Witz parat habe.“

„Letzte Frage, Herr Ochmann. Und wo sind ihre Schwächen?“ Sylvie strahlte eisige Professionalität aus. Offenbar wirkte sein Humor nicht. Gut, einen Versuch noch. „Ich trinke immer zu viel Bier während der Rennen und das wirkt sich auf die Blase aus, so dass ich hier manchmal das Wasser in den Augen stehen habe und hoffe das die Runden bald um sind.“ Sylvie nickte ernst und steckte das Mikro weg. „Danke, Herr Ochmann. Viel Erfolg und Gruß an den Urologen.“ Sprachs und verschwand in der Boxengasse. Chris blieb erstaunt stehen. Seine Blase regte aber akut den Vorwärtsdrang wieder an, der Start des Rennes stand unmittelbar bevor.

Achtlos flogen zwei Zündkerzen in die Wiese. Mark Ackermanns Alfa Romeo GTam stand schon in der Startaufstellung, aber gab keinen Mucks mehr von sich. Horst Witteler war mit dem gesamten massigen Oberkörper im Motorraum versunken und fluchte laut. Gut, es war Gerts Sohn, aber dessen Team Brokenpiston Racing rund um Peter Kilian hatte doch eigene Mechaniker. Nun, sollte ihm egal sein, der Junge war echt talentiert und gab hier sein Debut. Mit Klebeband und einer Büroklammer zwirbelte er die neuen Zündkerzen fest, und brüllte aus vollem Halse:“ Laß mal kommen!“. Mark startete den Motor, der mit kernigem Blubbern zum Leben erwachte. Grinsend blickte er in Horst´s ölverschmiertes Gesicht. „Cool!. Was war es denn?“ Horst brummelte etwas wie „Ein italienisches Auto!“ zurück und schlurfte zurück in seine Box.

Das erste Rennen war im vollen Gange. Dominik Pieper war erst vor wenigen Runden an Ralf Stingl vorbeigezogen, der lange souverän das Rennen angeführt hatte. Dominik war nahe an einer Herzattacke. Dieser Mazda war eine Zicke. Gehorsam wie ein taubstummer Terrier mit ADHS. Der Wankelmotor heulte auf, als er brutal den Schaltknüppel zurückriß. Stingl saß ihm noch im Nacken. Kurz die Bremse angetippt, dann wieder aufs Gas. das Bergaufstück sollte es bringen, hier etwas Zeit rauszuholen. Bei 33 Fahrern war enormes Gedränge auf der Strecke, die ohnehin einige Überraschungen parat hielt. Mit Knut Wegener, Michel Groteclaes und Robert Schauderna standen schon drei Autowracks in der Boxengasse, und Niels Lüdemann stand heulend vor den Resten seines Nissan Skyline GTR. Diese Kisten waren aber auch tricky. Dominik war sonst moderne Tourenwagen gefahren, aber die Dinger hier, das hatte was von Rodeo zwischen Supermarktregalen. Ein leichter Linksdreh, schon raste sein Mazda RX-3 den Berg hinauf. Kurz die Bremse angetippt, den Einlenkpunkt nicht verfehlen, und wieder aufs Gas. Das nun freudig Richtung Streckenrand tänzelnde Heck zauberte riesengroße Pupillen in sein Gesicht. „Verdammte Kiste, bleibst Du auf der Strecke!!??“ brüllte er ins Lenkrad. Aber elegant vollendete sein Arbeitsgerät einen formschönen Dreher, und seine Schnauze zeigte lustig in die Böschung, als seine Verfolger feixend vorbeirasten. Mit Wut im Bauch wendete er vorsichtig und jagte dem Feld als Vierter hinterher.

Chris Ochmann war fertig. Einfach nur fertig. langsam rollte sein Scirocco im Ziel aus. Platz 24. Zwischen den Rollers und Ackermännern. Dass es so hart wird, hatte er nicht gedacht. Seine Reifen waren ziemlich runter, der Schalthebel baumelte nur noch lose in der Mittelkonsole, der Belag vom Bremspedal war abgerieben. Er stieg zittrig und schwerfällig aus dem Wagen. Wer hatte denn überhaupt gewonnen? 28 von insgesamt 33 Fahrern waren durchgefahren. Der Rest war ausgefallen. Da konnte Chris sich noch glücklich schätzen. „Ey, Wolfgang, wer hat gewonnen?“ brüllte er zum älteren Roller herüber. „Keine Ahnung. Glaub der Stingl hat mich zweimal überrundet, der wird’s wohl gemacht haben.“ Chris sank erschöpft in seinen Wagen zurück. Jetzt noch ein Rennen. Die ganzen neuen Fahrer waren ganz schön fit, echte Cracks dabei. Das könnte eine harte Saison werden. Im Hintergrund sah er eine kleine fette Katze im Wald verschwinden. Hatte die eine Kamera umgehabt? Ach, grinste Chris, ich bin wohl zu nüchtern, erst mal ein Bier, dann die Kiste wieder aufgemöbelt fürs zweite Rennen. Im ersten Gang rollte er zurück zur Box.

Mark Ackermann schaute zu, wie der Mechaniker seinen Alfa wieder in Form brachte. Ein süßlicher Parfümgeruch drang ihm in die Nase. Roch wie Vanille-Bolognese. Als er sich umdrehte, blickte er in warme braune Augen. Die großgewachsene Brünette, die nun vor ihm stand, hätte jedem Titelbild zur Ehre gereicht. „Sie wünschen, gnädige Frau?“, stotterte er. „Gnädige Frau? Sehe ich schon so alt aus?“, erwiderte sie mit einem Lächeln. „Jetzt nur nichts Falsches sagen“, dachte Mark. Und gleich umarmen, wie Papa Gert es gerne macht, schien auch nicht angebracht. „Nö, nur so groß“, antwortete der Fünfzehnjährige unsicher. Die Model-Frau lachte laut. „Ich nehms als Kompliment. Wie läuft es denn so bei euch? Hast Du überhaupt eine Rennlizenz?“ Marks Gesichtsfrage verriet, dass jetzt grade die falsche Frage im Raum stand. „Ich kann sogar schon alleine aufs Klo!“, entgegnete er barsch und zückte seine Rennlizenz. Die Fremde warf einen oberflächlichen Blick darauf. „Nett. Und der soll echt sein?“ fragte sie mit arrogantem Unterton. Besserwisserei, das hatte Mark gefressen. „Nun“, formulierte er so deutlich, als wenn man einem Fünfjährigen den philosophischen Wert der Teletubbies erklärt, „bei MIR ist alles echt! Wenn ich mich so umschaue, sind hier zwei hervorstechende Attribute nicht von Natur aus dagewesen!“ Das saß! Die großgewachsene Zicke dampfte pikiert von dannen. Mark grinste. Sieg Nummer eins heute! Allerdings achtete er nicht auf das kleine Pelzknäuel, welches durch seine Beine schlüpfte, der kochenden Furie hinterher.

Rennen Zwei. Wieder 26 Mal 3307,5 Meter. Johannes Peiter zirkelte seinen Golf GTi mühsam durch die Bergaufpassage. Das Knirschen in seinem Kopf konnte vom Wagen oder seinen Zähnen stammen, da war noch Entscheidungsspielraum. Weit und breit kein Gegner. So hoffte er. Sein Rückspiegel war in Runde 14 irgendwo im Fußraum verschwunden. Mit der linken Hand hielt er in Rechtskurven die Fahrertür zu. Er hätte wohl doch mal seinem Mechaniker zwischen den Rennen schrauben lassen sollen. Die Toleranz seines Lenkrades lag schon im zweistelligen Bereich, und bremsen konnte er nur noch sein Temperament. Mit letzter Rille raste er an der Box entlang, auf die folgenden beiden Links-Kurven zu. In der Senke riß ihn ein leichtes Knacken aus seinen Tagträumen. Die Toleranz hatte nun den dreistelligen Bereich erreicht, sein Wolfsburger verschwand samt entsetztem Fahrer in der Botanik, einer malerischen Senke neben der Strecke. Der dort aufgeschreckte Igel beruhigte sich nach dem ersten Einschlag wieder, wohlwissend das ein Golf nicht so gefährlich ist wie sein Vetter mit „W“. Außerdem rosten die nicht so laut wie die Ladas, die hier sonst landen. Johannes stellte nach einigen müden Befreiungsversuchen den Motor ab. Was war passiert? Das wird noch zu klären sein, sobald er seinen Mechaniker bei den Fingern hatte. Mit fremden Frauen shakern statt schrauben, das gab Mecker!!

Gequält heulte der Nissan auf, als Oliver Kilian ihm mit Schwung das Gaspedal ins Bodenblech rammte. Rundenlang jagte er nun schon dem Führenden Ralf Stingl hinterher. In Rennen eins war mit dem Golf nicht viel zu holen, und da Oliver zu vielem bereit war außer zur Opferrolle, musste es der Nissan nun richten. Hätte man eine Briefmarke auf Ralfs Kofferraum gepappt, Oliver hätte allein vom Gefühl her sagen können, ob sie gestempelt war oder nicht. Irgendwann musste auch ein Stingl mal einen Fehler machen, sagte die Logik. Aber hier versagte die Logik. Auch unter größtem Druck fuhr der Bursche wie auf Schienen. Fast wie Lance Armstrong auf dem Rad, nur ohne Doping. Zwei Runden noch. Oliver gab alles. Vierter Gang! Fünfter Gang. wieder runter bis in den Dritten, leicht driftend an Ralfs Kofferraum klebend. Eine Scheißhausfliege hatte nicht so viele permanente Adhäsionskräfte zu bieten. Hier fuhren aber auch harte Knochen rum. Jochen Richter im Escort vorhin. Irre. Nur weil er mal was vom hiesigen Escort-Service geordert hatte, dachte er, die Mädels wären auch beim Wagen dabei. Jetzt lag er im zweiten Rennen in einem Nissan Skyline knapp zehn Sekunden hinter ihm. Eben hatte Oliver noch Detlef Preisig überholt. Da hatte Dete, wie er allgemein genannt wurde, doch glatt einen Flaschenhalter in seinem Scirocco montiert, lässig die Kippe im Mundwinkel und hörte während des Rennens Hörbücher von Hera Lind. Aber wer mit den Kisten hier im Hinterland rumgast und dabei noch Spaß hat, muss schon einen an der Murmel haben. Und zwei funktionierende Murmeln im Untergeschoß. Oliver zuckte zusammen, als Stingls Mazda vor ihm ins Schlingern geriet. Ein kurzer Druck auf die Bremse, dranbleiben. Vor ihm wedelte ein faltiger Kerl mit der karierten Flagge herum. Im Ziel. Mist, nur Zweiter. Aber der siegreiche Ralf Stingl war exzellent gefahren. Oliver setzte sich neben ihn, kurbelte das Fenster runter. „Hey Ralf, Gratulation. Wo hast du so fahren gelernt?“, wollte der jüngere Kilian wissen. Ralf grinste mit ölverschmiertem Gesicht aus seinem Mazda zurück: “Hab eine Dauerkarte für die U-Bahn, da lernt man so einiges“, flachste der nördlich von Österreich lebende Rennprofi. „Warte“, dachte Oliver, „in Frankreich auf Charade, da werden die Karten neu gemischt!“ , und bog in die Boxengasse ein.

Die kleine fette Katze saß auf der Boxenmauer und starrte auf die Strecke. Hinter ihr dümpelten fünf Wracks in der Box, 27 Wagen kehrten nach und nach zurück. Eine mit gepflegten und lackierten Fingernägeln versehene Frauenhand kraulte ihr sanft dem Nacken. Ein wohliges Schnurren drang an die Ohren der jungen Frau. „Eine starke Serie mit talentierten Fahrern. Da ist Potential drin. Lass uns mal sehen, was für uns drin ist, mein Katerchen.“ Die Katze drehte den Kopf, und es drängte sich dem Beobachter der Eindruck auf, als verstünde sie genau, was gerade gesagt wurde. Horst Witteler war so ein Beobachter….

Wie geht es weiter? Wird Stingl auch die nächsten Rennen dominieren? Was hat es mit der Katze auf sich? Wieso hat Ramon Hofer Schwimmflossen und einen Eispickel in seinem Spind? Gibt es Schallplatten mit gleichlaufender Auslaufrille? Bleiben Sie dran, seien Sie dabei, in der GTL 2L TCC!