GTLegends and friends

Chapter Five: Gellerasen, Schweden

Laut Thermometer hatte es um die Null Grad Celsius, hier im malerischen, aber saukalten Karlskoga in Schweden. Horst Witteler war auf der Suche nach einem banalen Werkzeug, um an Gert Ackermanns Kadett noch ein paar Feineinstellungen vorzunehmen. Doch wo bekam man in diesem Kaff einen schlichten Imbusschlüssel her? Seine Idee, sich bei Ikea einfach ein Billy-Regal zu kaufen, den beiliegenden Schlüssel zu nutzen und das Regal feierlich zu verheizen, mißlang. Es gab hier keinen IKEA!! Mitten in Schweden! Frierend rannte er durch die Straßen des kleinen 27.000-Einwohner-Nestes. Vor dem Hotel des Ortes parkte sein Wagen, ein gut gepflegter VW Käfer aus dem Jahre 1971. das Schloss der Fahrertür war natürlich zugefroren, irgendwie logisch. Mithilfe von etwas guten schottischem Whiskey aus seinem Flachmann und einem Feuerzeug ließ sich aber auch sein alter Weggefährte mit dem nachgerüstetem Zuffenhausener Herzen zu mehr Offenheit überreden. Das der kleine Hobel weit über 100 Pferdestärken inne hatte, sah man ihm nicht an. Gut, evt. die etwas breiteren Reifen, aber der Rest schlummerte gut versteckt im Inneren. Blubbernd mit dem typischen Boxersound sprang der Wagen an. Als Horst gerade losfahren wollte, wurde seine Beifahrertür aufgerissen. eine attraktive, aber etwas zersaust und gehetzt wirkende Brünette sprang auf den Beifahrersitz. „Fahr los! Die beiden Typen da hinten, die sind hinter mir her! Ich muss dringend ins Fahrerlager!“ Völlig entspannt blickte Horst ihr in die geröteten Augen. „Wir kennen uns? Du warst doch schon bei den letzten Rennen an der Strecke? Was wird hier eigentlich gespielt?“ Im Rückspiegel sah er zwei kräftig gebaute, aber schlecht gekleidete und offenbar kognitiv nicht allzu üppig ausgestattete Kerle aus dem Hotel stürmen. „Fahr einfach, ich erkläre dir alles. Ist eine komplizierte Geschichte. Ich muss mit Marcel sprechen!“ Horst ließ die Kupplung kommen und der kleine Wolfsburger rannte los. Die beiden Gestalten vor dem Hotel fluchten, sprangen in einen parkenden Volvo 760 und jagten hinterher. Nun zeigte sich, was fahrerisches Können, etwas Ortskenntnis und Intelligenz gepaart mit dem Motor eines Porsche 911 im Heck eines Käfers zu leisten in der Lage waren. Der kleine weiße Renner mit der Nummer 53 auf der Haube zischte los und wieselte um die Ecken. Seine Verfolger waren wohl von der Komplexität eines modernen Automobils etwas überfordert, nach drei Kurven versuchten sie. dem Volvo offenbar ein den Schlitz des gerammten Briefkastens an der Bundesstrasse 205 zu pressen – unfreiwillig. Mit pfeifendem Motor raste Horst Richtung Rennstrecke.

Heftig lenkend driftete Marcel Schümmer in die erste Kurve. Seinen Startplatz 2 hatte er nun nach wenigen Metern schon eingebüßt, als Oliver Kilian und Josef Edlbergmeier gleich an ihm vorbeizogen. An der Spitze zog Jochen Richter entspannt von dannen, und Marcel versuchte, das letzte Quentchen Leistung aus seinem Kadett zu quetschen. Frank Schuster saß ihm im Nacken und machte ordentlich Druck. Hörbar knallt er zwei Gänge herunter, bremste gekonnt die nächste Kurve an. Sofort wieder aufs Gas, und auf Rang 4 mit etwas Luft im Rücken beschleunigte er die Zielgerade hinauf. Schuster aber saß ihm dank Nippon-Power weiter hart im Nacken. Wenige Kurven später, war es Marcels hehres Ziel, sich neben seinen Vordermann zu setzen, doch eine Milisekunde zu spät, und er musste hart in die Eisen gehen. Untersteuernd rutschte sein Opel Richtung Kurvenrand, Schuster hingegen schlüpfte elegant vorbei, seinen Hintermann im Schlepptau. Frustriert und mit Wut im Bauch ob seines eigenen Fahrfehlers jagte Schümmer dem Feld hinterher.

Während Jochen Richter seinen Sieg im ersten Lauf feierte, schlurften Dominik Pieper und Robert Kruppert flachsend Richtung Boxengasse. „Ich wusste gar nicht, das ein Kadett so laut rosten kann! Oder war das der Motor?“ Robert grinste. Dominik erwiderte lachend: „Die Dinger werden glaube ich vom eigenen Schall überrundet. Aber Bums haben die, irre. da machste nix auf der Geraden.“ Robert konterte: „Doch. Staunen!“ Plötzlich sprang ein stämmiger Kerl mit osteuropäischem Akzent in ihren Laufweg. „Meine Herren, ich möchte Sie gerne für das finnische Radio interviewen. Hätten Sie Zeit für ein paar Fragen?“ Dominik überlegte kurz, sah Robert an. „War da sonst nicht immer diese nette Hübsche? Das kost aber dann extra bei der Gesicht-Fünf hier!“ Robert lachte. „Könnte ein billiger Abend in der Kneipe heute werden.“ Beide drehten sich zu dem Kurzgeschorenen um und nickten. „Für zwei bis acht Lokalrunden heute darfst Du fragen was Du willst, und wir antworten was wir wollen.“

„Man möchte meinen Schweden sei hügelig. Hatten Sie erwartet, das es hier so flach ist?“

Robert überlegte wieder kurz: „Schweden eben? Hatte immer das Gefühl dass es nur bergauf geht wenn die Opels an mir vorbei gedüst sind.“ Dominik bestätigte: „Was die Strecke angeht muss ich ihnen zustimmen. Bis jetzt der mit Abstand langweiligste Kurs in der Serie. Allerdings haben die Schwedinnen ihr Bestes getan, um für optisch ansprechende Reize zu sorgen und den Ersteindruck des Landes wieder wett zu machen.“

Der Klitschko-Spar-Verschnitt nickte nur, schoss die zweite Frage ab:“ Ist diese Strecke dass, was Rennfahrer 'schwungvolle' Kurven nennen?“

Die beiden Fahrer sahen sich an, grinsten wieder. „Schwungvoll ist anders. Musste an den meisten Kurven ganz schön Schwung rausnehmen um überhaupt um die Ecke zu kommen. Die Strecke gefällt mir insgesamt aber. Sehr schwierig zu fahren, man muss an jeder Ecke 100 % konzentriert sein“, begann Robert. „Schwungvolle Kurven gab es nur neben der Strecke zu bewundern“, ergänzte Dominik mit einem Seitenblick auf die Gruppe junger Schwedinnen, die gerade kreischend um ein Autogramm von Oliver Kilian kämpften.

„Sie fahren beide den Mazda, ein Wagen mit legendärem Ruf. Sind Sie von Beruf Dompteur? Der Mazda soll ja ein schwer zu bändigendes Biest sein.“ las der Riese von seinem Zettel ab.

Robert musste sich das Lachen verkneifen. „Reporterjobs werden hier in Skandinavien offensichtlich viel zu leichtfertig vergeben.“ dachte er leise. „Nun, stimmt, der Mazda ist schwierig zu fahren und von Grund aus ein Biest, eine Zicke und manchmal richtig bösartig. Aber Dompteur ? Nein. Habe nur im Laufe meines doch schon langen Lebens gelernt, wie man mit Zicken umgeht.“ Dominik Pieper brach in schallendes Gelächter aus. prustend antwortete er: „Vom Mazda hab ich erstmal die Schnauze voll ... der hat mir ne sichere Nummer versaut! Nach dem ersten Lauf im ParcFerme hatte ich gerade ein hübsches Mädel entdeckt, wollte zu ihr rüber ... doch das Türschloss meines Mazda´s hatte andere Pläne. Was will man auch erwarten von einem Japaner, der SuperGAU war perfekt.“ Nun konnte auch Robert nicht mehr an sich halten, ein brüllendes Lachen schallte über die Boxengasse. Irritiert blickte der „Reporter“ die beiden an, fragte aber weiter.

„Herr Kruppert. Zweimal P10 mit *DEM* Auto! Gratulation!! Zufrieden?“

Robert versuchte, möglichst ernst zu bleiben. „Eigentlich bin ich mit P10 zufrieden. Aber es hätte noch 2 - 3 Plätze weiter nach vorne gehen können, wenn die beiden Eidgenossen Dani und Ramon, hinter denen ich in beiden gehangen habe irgendwann mal einen kleinen Fehler gemacht hätten. Aber die beiden fahren ja wie die so oft benannten Uhrwerke. Richtig Spaß hat mir gemacht dass ich im zweiten Rennen Jochen rundenlang hinter mir halten konnte. Das war nicht so einfach, denn Jochen wollte unbedingt vorbei und bei meinem Mazda reicht ein ganz kleiner Fehler, ein zu kräftiger Gasdruck oder ein ganz leichter Verbremser um sich selbst in den Kies zu befördern. Insgesamt war es ein klasse Rennen in einer tollen Serie.“

„Herr Pieper, Sie bauen kontinuierlich, mit ihren Teampartner Frank Schuster, die Mannschaftswertung aus und liegen selber auf P3. Was sind Ihre persönlichen Ziele? Was ist von Beidem ihnen wichtiger?“ „In der Einzelwertung weiter nach vorne zu kommen ist eine schöne Sache. Allerdings sind wir hier als Team angetreten und haben auch als klare Zielsetzung unser Hauptaugenmerk auf die Mannschaftswertung gelegt. Ich hoffe das uns gelingt diese weiter zu verteidigen.“ Dominik hatte sich wieder gefangen und antwortete ruhig und ernst. „Danke, die Herren. Falls Sie meine Kollegin sehen, sagen Sie mir doch Bescheid, ich müsste Sie dringend sprechen.“ Sprach´s und verschwand Richtung VIP-Bereich.

„Du, Robert, zwei Dinge sind mir grade mal so aufgefallen. Wieso weiß der nicht wo seine Kollegin ist? Wenn es seine Kollegin ist.“ Robert stimmte ihm zu. „Hast recht. was war das Zweite?“ Dominik blickte dem Typen stirnrunzelnd hinterher. „Der hat sich während des Interviews nicht ein Wort mitgeschrieben. Und Hirn hatte der nicht, wenn der sich die Fragen schon aufschreiben lassen muß.“ Robert grunzte nur zustimmend.

Tobias Dede cruiste recht einsam über den Kurs. In der hektischen Startphase hatte es einige Scharmützel gegeben, er war auch einige Plätze nach vor gerutscht, aber nun war weit und breit kein Gegner zu sehen. Sein Scirocco lief erstaunlich rund, Horst hatte wieder ganze Arbeit geleistet. Wo war der eigentlich? Vor den Rennen war er kurz in die Stadt gefahren, um Werkzeug zu besorgen, seitdem hatte er ihn nicht mehr gesehen. Ohnehin war im Moment vieles seltsam. Einige Fahrer waren wieder durch kuriose Hindernisse aufgehalten worden. Andere konnten nur mit Mühe an die Rennstrecke kommen. Und vor allem, eine ominöse englische Holding kaufte alles auf, was mit der RLC-Serie zu tun hatte. Nicht, das es da viel gäbe. Aber verdächtig war das schon. Tobis legte aug der Zielgeraden seine Pink Floyd CD ein, die Songs von „Dark Side oft he Moon“ schallten durch seinen VW. Mit einer Hand zirkelte er um die letzte Kurve, mit der anderen packte er seine Brotdose aus. Heringssalat an Trüffel mit schwedischen Brot-Ecken. dazu ein 87er Chardonnay aus der Thermoskanne. Rennen fahren konnte echt Spaß machen. Doch ein bissl mehr Kampf durfte schon sein, dachte er beim Überqueren der Ziellinie. Beim nächsten Mal. Ganz sicher. Ach guck, die fette Katze saß wieder da. Ein Fan? Horst kriegte immer Pickel, wenn er den Wischmob mit Beinen erblickte. Koscher war das nicht mit dem Tatzentiger. Musste er im Auge behalten.

Wie geht es weiter? Wo ist Horst Witteler mit der Frau abgeblieben? Was birgt die Strecke in Ahvenisto, Finnland noch an Überraschungen? Bekommt man Flecken vom Heringssalat wieder aus den Sitzbezügen eines Scirocco heraus? Was ist eine Fleckenschere? Und kann Lars Kuhlmann wirklich Spaghetti quer essen?